Secretary (II)

„Wie findest du es?“ Sie schloss einen Reißverschluss und zupfte die Ärmel zurecht. Langsam richtete sie sich auf. Ihr Haar hatte sie zurück gesteckt. Wo es sonst über die Schultern fiel, lag jetzt bloße Haut, vom Stoff ausgespart. Alice legte eine Hand über ihr nacktes Schlüsselbein, und die Frau im Spiegel tat es ihr gleich.… Weiterlesen Secretary (II)

Secretary (I)

Alice rennt gegen Türen in ihrem Kopf. Alice hämmert und schreit, rennt Türen ein und stürmt blind durch Gedankenräume, will nicht sehen und will nicht hören, nicht die eine Stimme hören, die überall und allwissend noch immer kommentiert, alles kommentiert: Was soll das werden, Alice? Ein inszenierter Nervenzusammenbruch? Deine klägliche Rache? Hältst du es wirklich… Weiterlesen Secretary (I)

Fidelio

Bei seinem Namen hätte sie sich beinahe geirrt. Ein Irrtum wie eine Nachwehe, nach dem ersten, dem in-einander-Irren, damals. Fidelio... ob ihm das gefallen würde? Was, wenn sie ihn anriefe, einfach so. Wenn Alice sich melden würde, „nur mal wieder“, im Plauderton. „Hey, ich kann endlich über dich schreiben (Klammer auf: So richtig jetzt, außerhalb von… Weiterlesen Fidelio

Achilleus‘ Pech

S beobachtet sie. Er folgt mit Blicken heimlich jedem ihrer Schritte, verstohlen, feindselig, während sie, ein Irr-Licht, unruhig durch die Wohnung streift. Alice, rastlos. Orientierungslos. Pechmarie, Pech-Alice seit der andauernden, der zermürbenden Erfolglosigkeit ihrer Suche. Selbst Schuld, denkt S, nicht ohne Genugtuung. „Etwas eigenes finden“, hatte sie gesagt. „Mal alleine leben“, hatte sie gesagt, als… Weiterlesen Achilleus‘ Pech

Treibgut

Alice taumelt. Alice treibt. Boden-los, Halt-los. Sich bindend an Termine und Aufgaben wie Treibholz, immer wieder an-schwimmend und an-strampelnd gegen das Hinabgezogen-werden in einen Strudel aus Unruhe und Angst. Gegen den Zwang, Dinge zu zer-le-gen, zu zer.pflü.ck.en, zu zer sch l a g e n, Dinge und Wörter und sich selbst, die ganze Alice. Zu… Weiterlesen Treibgut

Falter und Däumling

Traum.  Du läufst eine steinerne gewundene Treppe hinab, wie in einen Kerker. In dem Saal über dir findet eine Hochzeit statt, doch du bist auf dem Weg zu den Waschräumen. An der Mauer des Kellergewölbes begegnest du deinem goldgerahmten Spiegelbild. Obwohl es nicht deine eigene Hochzeit ist, trägst du ein bodenlanges, weißes Kleid. Es schlackert… Weiterlesen Falter und Däumling

Glut

Alice tastet nach ihrem Handy. 2:15 Uhr. Sie wirft einen Blick zur Seite. S, schlafend. Ein Rücken jetzt, bläulich weiß, Nachtlicht-farben, sich hebend und senkend im gleichen Rhythmus wie das Kommen und Gehen der Gedanken in Alices Kopf, die, hellwach kreisend, Minuten zu dehnen drohen bis zum Tag, ein Tag im Leben eines Kreises, einer Stunde, einer… Weiterlesen Glut

Am Hang

Klatschnass betritt Alice den Flur. Kleine Pfützen bilden sich auf dem Boden, als sie den Schirm ausschüttelt, als sie Jacke und Schuhe abschüttelt wie den Regen, ab-regnend und Regen-ablegend. Sie hält inne und horcht. Im Innern der Wohnung rührt sich etwas. S, zu Hause. Die Garderobe ist übervoll. Mäntel, Mützen, Schals... Winter-Souvenirs. Aufgetragen, abgetragen und… Weiterlesen Am Hang

Hunger und Heim·weh

„Wir haben sie!“, jubelt Feh und fällt Alice um den Hals. „Die Wohnung, wir haben sie!“ Wir? „Du meinst Aladin?“, fragt Alice, und es klingt eigentlich eher wie eine Feststellung. „Eine Wohnung für Aladin?“ Da hört Feh auf zu jubeln. Verlegen löst sie die Umarmung. „Und für mich“, sagt sie dann und beißt sich auf… Weiterlesen Hunger und Heim·weh

Wund·b·rand

Am Morgen nimmt er ihr das Halsband ab. Und Alice fühlt, dass es vorbei ist. Jetzt, denkt Alice, als Herr O die Schnalle in ihrem Nacken löst und kühle Luft den Alice-Hals berührt (schweißnass, von Nackenhaar verklebt): jetzt, vorbei. Das Spiel und das Band, ihrer beider Band. Entbunden. Doch ein Teil des Leders klebt noch… Weiterlesen Wund·b·rand

Eklipse

Herr O war in der Geschichte nicht vorgesehen. Herr O schob sich dazwischen wie der Mond sich vor die Sonne schiebt, manchmal, um die Dinge und Menschen in ein spezielles Licht zu rücken – eine freundliche Erinnerung an das Abgewandte, Hintergründige, wie um zu sagen: Schau her, das ist die dunkle Seite, deine und meine.… Weiterlesen Eklipse

auf·gehoben

Als Alice am Samstag aufwacht, duftet es nach Eiern und Pfannkuchen. Sie schlüpft aus dem Bett und läuft im Schlafanzug in die Küche. S steht am Herd. Alice umarmt ihn stürmisch. „Was ist denn mit dir los?“, fragt S belustigt und macht sich los. Alice tanzt um ihn herum. „Ich bin so ganz und gar… Weiterlesen auf·gehoben

Frau im Mond

Dr. Psych studiert Auswertungsbögen. Stumm vertieft, das Notizbuch aufgeschlagen. Der Stift in seiner Hand schwebt über dem Papier. Unschlüssig. Vage. Na, Dr. Freud?, denkt Alice. Passe ich nicht in deine Schubladen?  „Den letzten Test hätten Sie eigentlich auf Ihre Kindheit beziehen sollen“, bemerkt Dr. Psych, ohne aufzusehen. Alice legt den Kopf schief. „Hab ich doch.“… Weiterlesen Frau im Mond

Ein untadeliger Mann

Abendessen mit d'Artagnan. Alice erzählt. Ihre Aufregung hat sich gelegt. Das Herz schlägt im Takt, der Atem fließt. Sie erzählt von Anfang an, die ganze traurige Geschichte. Er lacht an den richtigen Stellen und blickt ernst, wenn sie es tut. D'Artagnan ist aufmerksam. D'Artagnan hat Humor. Seine Worte sind elegant, seine Manieren tadellos. Er analysiert,… Weiterlesen Ein untadeliger Mann

Elysium

Riff Raff fährt sie nach Hause. Reise durch die Nacht. Lichter, Autos, Asphalt. Sein Profil schwach beleuchtet. Scharf geschnitten. Sie lauschen Musik. Erik Satie. Alice hält ihre Finger vor die Augen und lässt sie im Takt tanzen. Sie löst sich auf. Sie schwebt. Sie sagt: „Wenn ich reich wäre, hätte ich einen Chauffeur.“ Wäre, hätte, könnte...… Weiterlesen Elysium

Spuren

Eisige Kälte durchströmt Alice. Sie schnappt nach Luft. Wasser rinnt über ihre Beine. „Besser?“, fragt Riff Raff. Er löst die Eispackung von ihrer Haut. Sie schwimmt. Zu Hause vor dem Spiegel. Mit den Händen fährt sie über gespannte Haut. Das gibt Spuren, hört sie ihn sagen. Blau, gelb, violett. Noch warm. Eine Verhärtung in der… Weiterlesen Spuren

Graue Herren (II)

Ihre Jacke, weiß, hängt über der Stuhllehne. Der Spieler hat es nicht eilig. Essen, reden, erkunden. Er genießt. Er will sie erst studieren und dann probieren – alles zu seiner Zeit. Vielleicht könnte er sie an dem Haken... Der Ton einer eingehenden Nachricht unterbricht seine Gedanken. Er spürt, wie Alice sich ihm entzieht. Sie wirft… Weiterlesen Graue Herren (II)

Graue Herren (I)

„Blau oder weiß?“ Alice dreht sich vor dem Spiegel. Sie schlüpft in Jacken und dreht sich. Unverbesserlich, obwohl sie weiß, dass sie zu spät kommen wird, ohnehin schon zu spät kommt, was eine Strafe nach sich ziehen wird – ein Gedanke, der ihr einen kleinen Kick verpasst, der ihr diese leisen Angstschauer über den Rücken… Weiterlesen Graue Herren (I)

Die Schöne

Dr. Psych spricht von der Kunst der Zurückweisung. Von Unpässlichkeiten des Alltags. Und der Kompensation mit Süchten. Alles ist dissoziativ. Abende verkosten: Den Spieler und Gin. Riff Raff und Rotwein. Manchmal Hausbar, mit Feh und S. Manchmal allein. Morgens: Spieglein, Spieglein an der Wand, wer hat den schlimmsten Kater im Land? Du siehst Augen beringt,… Weiterlesen Die Schöne

Flucht

(I) Die Flüchtlinge bevölkern das Hallenbad wie Schwärme ausgezehrter Vögel. Kein Nest, keine Federn. Immer zusammen, immer eins. Diffuse, konturlose Körper. Der Einzelne ist nichts, verliert sich in der Masse. Sie pflügen durch das Nichtschwimmer-Areal, ungelenk. Halb watend, halb sackend. Treiben auf bunten Styroporschlangen umher und sinken gen Grund wie Steine, ohne Halt, aber sich… Weiterlesen Flucht

Wunderland

Schreiben im Kopf. Immerzu. Ein Flüstern und Raunen im Innern. Vielstimmig, irre. Worte werden zu Fragmenten werden zu – nichts. Ein Gebilde, elastisch, eine Membran, die sich hebt und senkt und ausdehnt und zusammenzieht und – reißt. Ein Schloss in den Wolken, das sich auftürmt und zusammenbricht, auftürmt und einstürzt. „Schreib es auf“, sagt S.… Weiterlesen Wunderland

Extreme

Termin bei Dr. Med. Sorgenfalten falten. „Raucherin?“ Dr. Med sieht dich an. „Bei Ihrem Befund?“ Ein Schulterzucken. Ein Nicken. Pause. „Warum?“ fragt Dr. Med. Warum ich rauche? Die Frage kommt dir absurd vor. Ebenso wie mögliche Antworten. Tja, das war mir irgendwie am sympathischsten, so im Suchtmittelvergleich... und nachdem's zur Alkoholikerin nicht gereicht hat... Na… Weiterlesen Extreme