Spuren

Eisige Kälte durchströmt Alice. Sie schnappt nach Luft. Wasser rinnt über ihre Beine. „Besser?“, fragt Riff Raff. Er löst die Eispackung von ihrer Haut. Sie schwimmt.


Zu Hause vor dem Spiegel. Mit den Händen fährt sie über gespannte Haut. Das gibt Spuren, hört sie ihn sagen. Blau, gelb, violett. Noch warm. Eine Verhärtung in der Mitte. Das wird Herrn O nicht gefallen. Verdammt.

Als sie die Bluse zuknöpft, taucht im Spiegel das Gesicht von Feh auf. Gequält. Blass. Alice dreht sich um. „Was ist los?“ fragt sie alarmiert. „Feh, was ist denn?“ Feh zuckt mit den Schultern. Hilflos. Alice greift nach ihrem Arm und dreht ihn herum. Kein Kratzer. Sie atmet aus. Erleichtert. Aber Feh ist den Tränen nahe. Feh weiß nicht, warum. Weiß man das je?


Abendessen zu zweit, ohne Feh. Alice, verdreht. S beobachtet sie stumm. Immer wieder greift sie sich in den Nacken und verzieht das Gesicht. Selbst Schuld, denkt er. Alice blickt auf. Fragend sieht sie ihn an. „Was ist?“ Er nimmt seinen Teller und steht auf. „Du bewegst dich wie ein Affe“, stellt er fest. Ein liebeshungriger, liebestrunkener Affe. Alice nickt zerstreut. „Hab mir den Hals verrenkt.“ Schon schweift ihr Blick wieder ab. „Nicht nur den Hals“, murmelt S und verlässt den Raum.


Die Sammel-Umkleide ist gut gefüllt. Sie sucht sich einen freien Spind und stellt ihre Tasche ab. Um sie herum summt es: Frauen unter sich, lachend und plappernd. Alice sieht sich um. Zögernd. Dann gibt sie sich einen Ruck. Stück für Stück legt sie ihre Kleider ab, schält sie sich aus Wolle und Winter. Sie lauscht dem Summen und Plappern, den Zeichen unbenommenener Heiterkeit, während sie ihre Sachen verstaut. Unsichtbar, denkt Alice. Für euch bin ich unsichtbar. Doch als sie die Schwimmsachen aus der Tasche zieht, fühlt sie die Distanz. Gespräche verstummen. Um Alice herum entsteht Raum. Alice, im Zentrum. Ihr Herz beginnt zu klopfen, während sie die fremden Blicke im Rücken spürt. Blicke auf ihr, wandernd auf und ab, einer Spur folgend, hinab zum Po, an dem sie haften bleiben. Alice kann die Bestürzung fühlen. Die Neugier. Sie horcht auf das Tuscheln. „Was hat denn die… übel aus… so zugerichtet…“ Schließlich Stille. Stillstand. Nur Alice bewegt sich. Geschmeidig. Langsam zieht sie die Badehose über Beine und Po und richtet sich auf. Stolz. Als sie die Kabine verlässt, trägt sie den Kopf hoch. Sichtbar, durch ihn.


Zu Hause weht ihr dicke Luft entgegen. „Psycho“, faucht Feh. „Blöde Kuh“ schnaubt S. Alice lässt ihre Sachen fallen und presst die Hände über beide Ohren. „Ich hör euch nicht, ich hör euch nicht, ich -“ Infantile Muster. Neues Futter für Dr. Psych. Sie flüchtet in ihr Zimmer. „Ach komm schon, Alice“, ruft S genervt, „das hat nichts mit dir zu tun!“ Feh lacht trocken. „Sag doch gleich sowas wie: ‚Wir streiten nicht, wir diskutieren’“. Und Alice ergänzt im Stillen: Am besten noch mit blauem Auge und blutiger Lippe. Dann zieht sie sich die Decke über den Kopf.


Sie liegt zusammengerollt vor ihm auf dem Teppich. Sie hat die Augen geschlossen, damit er ihren Blick nicht sieht. Den gequälten, schmerzverzerrten. Riff Raff dreht sie auf den Bauch. Streicht über ihren nackten Körper. Sanft jetzt. Behutsam. Sie schlingt die Arme um die Beine. Schutzhaltung.

Er möchte schreien. Seine verdammte Hand gegen die Wand schlagen. „Sag es mir“, hatte er gesagt. „Sag mir, mit wem noch.“ Als ob es ihm Kontrolle gäbe zu wissen, bei wem sie war, wenn nicht bei ihm. Es war der Masochist in ihm, der sich dieses Wissen antun wollte. Der Masochist, der er selbst gewesen war, bevor sich sein Leben verändert hatte. Bevor sich etwas in ihm verändert hatte. Jetzt hatte er die Macht. Und er wollte sie allein. Ein kleines Souvenir, war es ihm spontan durch den Kopf gegangen. Eine Botschaft an Herrn O. Und er bereute den Gedanken im gleichen Moment, als der Stock auf ihren Körper traf.

Er konzentriert sich wieder auf die getroffene Stelle. Auf die feinen Risse unter der Haut. Die roten Äderchen, die langsam hervortreten, gemasert von kleinen Punkten, die bereits nachdunkeln, violett jetzt, später schwarz. Er spürt die abstrahlende Hitze. Alice gibt keinen Laut von sich. Doch als er die Wunde berührt, zuckt sie zurück.

„Es tut mir so leid“, flüstert Riff Raff. Und Alice weiß, dass es stimmt.


„Alles ok?“, fragt S. Alice sitzt am Tisch, die Stirn in beide Hände gestützt. Ihr „Ja“ klingt wie „Nein“. Schon ist er bei ihr. „Na komm. Was ist los?“ Ihr Kopf sinkt auf den Tisch. „Alles“, sagt Alice. Und S streicht ihr durch den Haarflaum, der sich aus der Frisur gelöst hat und im Nacken kräuselt, in dem Nacken vor ihm kräuselt, und seine Geste ist ein wenig unbeholfen vielleicht, aber sie spürt es und hält still und ist dankbar für diese Berührung, die nichts erwartet und nichts will. Alles ist los. Und alles ist lose.